Westermann: Wie kam es dazu, dass Sie Schulbuchautorin geworden sind?
Michaela Kraker: Eine Kollegin fragte mich, ob ich an einem Schulbuch mitarbeiten möchte – da habe ich gleich zugesagt. Ich wollte ein Buch gestalten, das didaktisch gut aufgebaut ist, möglichst vielen Kindern gerecht wird und Freude an Mathematik vermittelt. Mein Interesse an Mathematik begleitet mich schon lange. Geweckt wurde es durch eine hervorragende Lehrerin im Gymnasium, an die ich noch heute oft dankbar zurückdenke.
An welchen Stellen – sichtbar oder unsichtbar – spielt Mathematik eine Rolle?
Ohne Mathematik würden Handys und moderne Technologien nicht funktionieren. Den Kindern ist oft nicht bewusst, wieviel Mathematik in einem Auto oder in ihrem Moped steckt. Man muss das immer wieder zeigen, damit sie den Sinn in dem, was sie lernen sehen. Ich bekomme manchmal Rückmeldung von ehemaligen Schüler*innen wie „Ich habe jetzt Sport studiert und nicht gewusst, dass die Mathematik im Sport so etwas Wichtiges ist - für Trainingspläne und für alle möglichen Übungen“. Das sehen die Kinder oft erst später.
Was kann guter Mathematikunterricht leisten, und was kann er nicht allein auffangen?
Eine große Herausforderung ist, ohne spezielle Hilfe mit der Leistungsheterogenität in den Klassen umzugehen. Die Schere zwischen den Kindern ist sehr groß und das gilt für jeden Unterricht, nicht nur für den Mathematikunterricht. Guter Mathematikunterricht sollte Interesse, Spaß und Motivation wecken, sich mit Mathematik auseinanderzusetzen. Druck oder Angst sind dafür nicht hilfreich. Ich möchte den Kindern vermitteln warum sie etwas lernen und wofür sie es im Alltag brauchen können. Gerade den jungen Kolleg*innen gelingt dieser Zugang oft sehr gut. Zur Unterstützung empfehle ich außerdem externe Angebote, die dazu beitragen, dass Kinder Mathematik positiv erleben. In der Steiermark gibt es dafür beispielsweise spezielle Programme, und solche Angebote halte ich für sehr wertvoll.
Was würden Sie angehenden Mathematiklehrerinnen raten?
Mathematiklehrer*innen müssen mathematisch kompetent sein, das ist klar. Sie müssen aber auch schauen: wie bringe ich den Inhalt wirklich altersgerecht an die Schüler*innen? Deshalb würde ich dazu raten, sich frühzeitig mit Didaktik zu beschäftigen. Dazu gehört z.B. der Umgang mit verschiedenen Aufgabenformaten wie Multiple Choice und geschlossenen Fragen, oder der sinnvolle Umgang mit neuen Technologien wie GeoGebra. Da sollten die Kolleg*innen sich wirklich vertiefen und Ausbildungen machen.
Was macht ein gutes Mathematikschulbuch heute aus – jenseits von Aufgabensammlungen?
Vielseitigkeit. Ein gutes Mathematikbuch muss die Rechenfertigkeiten trainieren, Übungsmaterial anbieten und die Jugendlichen zum selbständigen Denken anregen. Sie müssen lernen, dass es nicht darum geht ein Rezept abzuarbeiten, sondern selbst eine Strategie zu finden, um eine Aufgabe zu lösen. Es muss auch aufzeigen, wo wir Mathematik außerhalb des Unterrichts brauchen und anwenden. Was im Hinblick auf eine zentrale Reifeprüfung wichtig ist: es muss mathematisch exakt sein. Es darf nicht herumgeschwindelt werden, sondern muss wirklich mathematisch klar sein. Es muss aber gleichzeitig in einer Sprache geschrieben sein, die unsere Schüler*innen verstehen.
Inwiefern konnten Sie das mit „Expedition Mathematik“ umsetzen und wo liegen in Ihren Augen die Besonderheiten der Reihe?
Wie der Titel „Expedition“ schon sagt: die Schüler*innen sollen selbst ausprobieren und entdecken, wie sie eine mathematische Aufgabe lösen. Das ist für uns wichtig. Was die Reihe auch auszeichnet, sind die digitalen Materialien. Wir haben sehr viele Erklärvideos für Kinder, die wir selbst gedreht haben, um aufzuzeigen wie man ein Thema behandelt. Ich denke, dass die Kinder selbständig mit dem Buch arbeiten können, ist in der heutigen Zeit sehr wichtig. So können Sie sich alles in ihrem Tempo anhören und Gehörtes noch einmal zurückholen.
Welche Kompetenz sollten Schüler*innen aus Ihrer Sicht am Ende unbedingt mitnehmen, unabhängig vom Stoff?
Da kommen mir zwei Kompetenzen in den Sinn. Das erste ist Problemlösekompetenz. Die Schüler*innen sollen lernen und wissen, wie man Probleme angehen kann, um sie zu lösen und wo sie nachschauen können oder Hilfsmittel finden. Wenn man mit Kindern diese Fähigkeiten trainiert – das Herangehen an eine Aufgabe – dann kann das später auch auf andere Aufgaben übertragen werden, die über die Mathematik hinausgehen. Der zweite Punkt, ist Begründen zu können. Die Schüler*innen üben zu erklären und zu beschreiben, warum sie zu einer Lösung gekommen sind. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, eine Haltung zu lernen, die offen gegenüber verschiedenen Standpunkten und Argumentationen ist und gleichzeitig kritisch denkt und Belege einfordert.
Danke für das Gespräch.